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Ort der Zuflucht

Die Caritas-Stelle DIVAN unterstützt Frauen, welche einen Weg aus ihrer scheinbar ausweglosen Situation suchen. Vor Kurzem gab die frauenspezifische Beratungsstelle eine neue Broschüre heraus, in der zehn Betroffene von ihren Schicksalen erzählen. Ein Gespräch mit Teamleiterin Emina Saric.

Es ist ruhig im Caritas-Gebäude in der Mariengasse 24. Auf den Gängen ist kaum jemand, nur eine junge Frau mit Kopftuch steht etwas verloren am Stiegenabsatz. Aus dem Nebenzimmer sind geschluchzte Satzfetzen in einer fremden Sprache zu hören. Nicht mehr als ein kleines Schild weist den Weg zur Abteilung, deren Logo eine Frau vor einem niedrigen Sofa zeigt.

divan3Der ein Liegebett bezeichnende Ausdruck „Divan“ kommt ursprünglich aus dem Persischen

Das Projekt DIVAN ist eine Beratungsstelle der Caritas Steiermark vor allem für Migrantinnen. Die Stelle, welche Opfern von „Gewalt im Namen der Ehre“ helfen will, wurde vor drei Jahren eingerichtet und hat seitdem rund 134 Frauen betreut. Die Liste der Problembereiche, mit denen Emina Saric aus der Teamleitung und ihr Team zu tun haben, ist lang. Vorrangig geht es um geschlechtsspezifische Integrationsprobleme von Migrantinnen, die im Vergleich zu männlichen Migranten oft viel schwierigeren Situationen ausgesetzt sind.

Das Beratungsteam besteht aus einer Psychologin, einer Therapeutin, einer Juristin sowie Sozialarbeiterinnen und Übersetzerinnen. Täglich haben sie es mit Trennung oder Scheidung, häuslicher Gewalt, aufenthaltsrechtlichen Problemen, Zwangsehe oder drohender Zwangshochzeit, manchmal auch mit Morddrohungen zu tun.

Die Beratung wird in der Sprache der Klientinnen angeboten, das Team deckt allein muttersprachlich bereits fünf Sprachen ab: Arabisch, Dari-Farsi, Türkisch und Russisch. Saric selbst spricht neben Deutsch und Englisch noch Bosnisch/Kroatisch/Serbisch. Die alleinerziehende Mutter einer Tochter hat in Graz Gender Studies studiert, hält Vorträge und arbeitet am Campus Bildung und Migration und bei DIVAN. Ihre Berufung sieht sie im interkulturellen Lernen und im Empowerment für Frauen: „Unser Ziel ist es, dass eine Frau, die bei uns Hilfe sucht, eines Tages keine Betreuung mehr braucht und selbstständig weiterleben kann. Dass sie ihr Leben fest in der Hand hat. Aber das ist ein Lebensprozess, das kann man nicht von heute auf morgen mit einer Beratungssitzung klären.“

 

divan emina profilEmina Saric, Teamleiterin der Frauenberatungsstelle DIVAN

In der neuen Broschüre „Frauen erzählen Leben“, die Mitte November des vergangenen Jahres vorgestellt wurde, geben zehn ehemalige Klientinnen Einblicke in ihr Leben. Nüchtern erzählen sie von Unterdrückung, psychischer und physischer Gewalt. Nicht nur eine von ihnen hat Morddrohungen erhalten oder sogar versucht, sich selbst das Leben zu nehmen.

Eine junge Afghanin schildert: „Mein Körper ist widerstandsfähig im Bezug auf die Schläge, aber mein Herz zerbricht fast, wenn ich daran denke, dass meine Kinder schon so viel Gewalt ansehen und erleben mussten. Meine Kinder fragten mich oft: ‚Warum ist unser Papa nicht so wie die anderen?‘ Ich kann ihnen darauf keine Antwort geben. Ich kann nur von ganzem Herzen für sie da sein, für sie sorgen und darauf achten, dass die Gewalt, die sie erleben mussten, sie nicht so auffrisst wie mich.“

Sie erzählen aber auch über ihren Neuanfang in Österreich. Die junge Afghanin resümiert: „Ich schäme mich jetzt nicht mehr, dass ich eine Frau bin. Ich kann alles, was ein Mann kann. Ich bin eine gute Mutter. Manchmal denke ich, dass ich mehr als ein Mann machen kann. Wenn ich an meine Vergangenheit denke, wünsche ich mir, anderen Frauen helfen zu können, die in meiner Situation sind.“

broschüreZehn Frauen, zehn Schicksale: die neue Broschüre der Frauenberatungsstelle

Saric ist es ein Anliegen zu betonen, dass es nicht die Mentalität der Männer ist, die die verschiedenen Probleme auslöst, sondern die Art der Sozialisierung. Das Verhalten hänge vom familiären Milieu und von der Gesellschaft ab – davon, wie patriarchal ausgeprägt etwa eine Gesellschaft und ihr System seien und ob Frauen als Besitz angesehen würden. Wenn das der Fall sei, gebe ihnen diese Sozialisierung das zweifelhafte Recht, sie auch als solchen zu behandeln.

Das Kopftuch etwa ist für Saric nach wie vor ein Unterdrückungsmittel, auch wenn sie Religionen generell offen gegenübersteht: „Jede von uns kann von mir aus einen Eimer auf dem Kopf tragen, das soll eine persönliche Freiheit bleiben. Aber als gesellschaftlichen Akt sehe ich das als Unterdrückung der Frauen.“

Saric ist davon überzeugt, dass bereits einige Männer an sich arbeiten. In Graz gibt es zwar die Möglichkeit einer Therapie für Männer, jedoch keine mit Spezialisierung auf Probleme, die mit Sozialisierung zu tun haben. Die Frauenberatungsstelle alleine ist für Saric keine ganzheitliche, dauerhafte Lösung.  Sie bietet akute Hilfe und Unterstützung, aber keine Prävention. Somit bleibt die Wurzel des Problems unbehandelt.

Das Weinen aus dem Nebenzimmer ist mittlerweile verstummt. Ob ihr nicht manchmal eine Geschichte zu sehr zu Herzen geht? Saric meint, sich professionell davon distanzieren zu können, es wäre sonst für sie nicht auszuhalten. Aber ihr Bild von Frauen und Männern hat sich geändert – seitdem sie so intensiv mit dem Leiden der Frauen konfrontiert wird, beschreibt sie ihre Grundeinstellung gegenüber Männern als recht skeptisch.

Über den Autor

Lisa Maria Klaffinger
Lisa Maria Klaffinger
Ich bin eine der wenigen echten Grazerinnen in diesem Studiengang. Ich habe zwölf Jahre lang die Waldorfschule in Sankt Peter besucht, meine Matura am BORG Dreierschützengasse absolviert, mich danach an Architektur versucht und bin nun sehr glücklich, mit Journalismus und PR gefunden zu haben was ich gesucht habe. In meiner Freizeit trainiere ich sehr viel, da ich leistungsmäßig Volleyball spiele, und mache generell so viel Sport wie nur möglich. Wie wahrscheinlich die meisten meiner KollegInnen lese und schreibe ich gerne (habe schon mit fünf Jahren kleine zusammengeheftete Büchlein geschrieben und im Bankfach während der Stunden heimlich alles gelesen was mir zwischen die Finger gekommen ist) und habe durch meine Mitarbeit an mehreren kleinen Musicals, Theaterproduktionen und Zirkusaufführungen (im Zuge meiner Tätigkeit als Akrobatiklehrerin der Sommerzirkusschule für Kinder) einiges an Erfahrung gewinnen dürfen, vor vielen Menschen zu reden. Ich habe leider trotzdem jedes Mal aufs Neue Lampenfieber...
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