Lesezeit: 3 Minuten, 2 Sekunden

Requiem für eine Revolution

Im Zuge der Arbeitsateliers der Initiative für junge Kunst uniT geht bis Samstag das Stück „Mücken sind Kernobst“ des früheren Grazer Stadtschreibers Fiston Mwanza Mujila im Theater am Lend über die Bühne.

Mit „Mücken sind Kernobst“ hat der aus der Demokratischen Republik Kongo stammende Autor Fiston Mwanza eine zeitgemäße, lebensnahe Gesellschaftskritik geschaffen, die unter die Haut geht. Das Stück handelt von einer zerrütteten Familie, die sich durch das Klammern an zwei verschiedene Ideologien immer mehr entfremdet. Der berufsunfähige Vater ist bekennender Marxist, die Mutter hingegen tiefgläubige Christin. Der gemeinsame Sohn gerät zwischen diese beiden Fronten, zerbricht immer mehr an dem steten Ringen zwischen Bibel und Kapital, zwischen Theismus und Agnostizismus und zwischen Vater und Mutter um Gültigkeit des jeweiligen Weltbilds und zieht sich immer stärker zurück.

Das Opium des Volkes. © rappel

Gleichzeitig zeigt das Stück die Welt von sieben Kreaturen der Unterwelt, die Mwanza die „seven creatures of shit“ nennt. Sie sind Helden und Märtyrer der Revolution, die sich betrogen fühlen und erkennen, dass sie umsonst gestorben sind. Sie machen sich auf zum Tor der Welt, um ihr Leben zurückzufordern und auf die Erde zurückzukehren. Lautmalerisch klagen sie die Politiker und Offiziere an, für deren Regime sie in den Tod gegangen sind: „Wir sind uns bewusst, dass es ein Fehler war, sich für dieses Scheiß-Land zu opfern! Gebt uns unseren Lebensatem zurück!“

Die beiden Geschichten werden durch ein Radio miteinander verbunden, das billige kapitalistische Werbesendungen und skurrile Verdummungsreportagen, etwa über die Vorteile der Masturbation oder die Sexualität des Blauhais, ausspuckt, und gipfeln in eine Revolution der Kreaturen der Unterwelt zusammen mit der, im weiteren Verlauf der Handlung, getöteten Mutter und dem betrogenen Sohn.

„Das Stück ist keine Kritik an Marx oder Christus, sondern eine Kritik an Menschen, welche Ideologien falsch interpretieren und auslegen“, so Fiston Mwanza Mujila über sein Werk, das vielfältige Deutungen zulässt.

Fiston Mwanza Mujila

Fiston Mwanza Mujila beschäftigt sich viel mit Fragen der Ideologie © rappel

Regisseurin Sandra Schüddekopf, die bereits am Grazer und am Wiener Schauspielhaus inszeniert hat, bringt hier ein hautnah erlebbares Theaterstück auf die Bühne. In schlichten Kostümen und auf einer spartanischen Bühne wird ein düsteres Ambiente geschaffen. Sehr suggestiv unterstützt werden die Vorgänge durch einen ausgefeilten Sound des Musikers und Komponisten denovaire, der durch die Verbindung interessanter Instrumente eine fast apokalyptische Stimmung evoziert, die den Spannungsbogen bis zum Schluss hält.

Die Bühne in der Mitte des Raumes ist durch eine Schnur – mit den Köpfen der großen Revolutionäre Marx, Lenin, Engels, Che Guevara, Fidel Castro, Lumumba, Stalin, Mao, Nehru, Nkrumah, Sekou Toure und Jesus –  in zwei Teile getrennt. Links Werner Halbedl als der marxistische Vater, umgeben von Stapeln ökonomiekritischer Weltliteratur und Paroleplakaten, rechts die Mutter mit Holzstäben, aus denen sie Kruzifixe baut, dargestellt von Ninja Reichert. Die Zuseher können zu Beginn wählen, auf welcher Seite sie sitzen, welchen Blickwinkel sie einnehmen wollen beziehungsweise welcher Ideologie sie symbolisch den Rücken stärken.

Revolutionäre

Helle Köpfe der Revolution © rappel

„Das Interessante an der Produktion ist, dass der Musik- und der Schauspielteil voneinander unabhängige Arbeitsprozesse waren, die erst am Schluss zusammengeführt wurden“, sagt Werner Halbedl, der den Vater spielt, über das Arbeiten in den Ateliers. „Das Ziel der Arbeitsateliers ist nicht eine perfekt ausgearbeitete Inszenierung zu präsentieren“, verrät Annalena Trummer von uniT. „Vielmehr geben wir KünstlerInnen verschiedener Sparten die Möglichkeit, sich einem Text experimentell zu nähern und dem Publikum eröffnet sich gleichzeitig ein Einblick in diesen kreativen Prozess.“

Sandra Schüddekopf

Sandra Schüddekopf schafft einen packenden Dialog zwischen Schauspielern und Musikern © rappel

„Mücken sind Kernobst“ zeigt eine Welt, in der die Fronten verhärtet sind, in der Dogmen und Entfremdung Hand in Hand gehen, in der kein Platz ist für Zwischenmenschlichkeit und wo Revolution sowohl unausweichlich als auch sinnlos wird. Nach Marx ist „die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben, oder schon wieder verloren hat“. Doch gilt dies nicht auch auf ähnliche Weise für den Warenfetischismus im Kapitalismus? Das Stück eröffnet die Möglichkeit, die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Schon allein durch die Wahl des Sitzplatzes. Selten wird einem ein Perspektivenwechsel einfacher gemacht.

Das Stück ist noch am 30. November 2013 im Theater am Lend zu sehen.

Mücken sind Kernobst – Requiem für eine Revolution
Theater am Lend
Wienerstraße 58a
8020 Graz

Über den Autor

Christoph Madl
Christoph Madl
mag: Literatur, Lyrik, alte Bücher, Jazz und Gratisessen.
Loading Facebook Comments ...

Kommentar hinterlassen on "Requiem für eine Revolution"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


siebzehn − acht =