Arbeiten um zu lernen

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Die Caritas will Asylwerbern, die in Österreich aufgenommen wurden, Arbeit vermitteln – ehrenamtliche Arbeit. Brauchen die Menschen kein Geld?

Stimmengewirr erfüllt den Raum. Menschen jeden Alters stehen in bunt gemischten Gruppen zusammen und unterhalten sich angeregt. Still soll es den ganzen Vormittag nicht mehr werden. Eine der wenigen deutschen Stimmen im Raum unterbricht die Diskussionen nur kurz, um auf das Buffet hinzuweisen: „Die Brötchen sind da – und alles ist ohne Schweinefleisch.“

Angeregte Gespräche in den GruppenAngeregte Gespräche in den Gruppen

Am 5. November fand in den Räumen des Marianums in der Mariengasse ein Workshop zum Thema ehrenamtlicher Arbeit statt. Dieser richtete sich an ein spezielles Publikum. Menschen, die als Asylwerber nach Österreich gekommen sind und bereits Aufnahme gefunden haben. Gemeinsam mit der IOM, der Internationalen Organisation für Migration, versucht die Caritas hier, Menschen von den Vorteilen einer ehrenamtlichen Tätigkeit zu überzeugen und über Möglichkeiten diesbezüglich aufzuklären.

Dieses Projekt, das unter dem Namen GIVE läuft, soll als Vermittler zwischen Teilnehmern und Unternehmen agieren. Im Zuge ihrer Tätigkeit sollen die Menschen ihre Deutschkenntnisse verbessern können, um letztlich den Integrationsprozess zu vereinfachen. Dazu Ruth Unger, Leiterin des Workshops und Mitarbeiterin der Caritas: „Unser Ziel ist es, Kontakt zu Migranten herzustellen und ihnen die Vorteile ehrenamtlicher Arbeit näher zu bringen, zu zeigen wie sie davon profitieren können“.

Aufbereitung des Themas durch Gruppenarbeit.Aufbereitung des Themas durch Gruppenarbeit.

Die persönlichen Motivationen der Teilnehmer, freiwillig unbezahlte Arbeit zu verrichten, sind unterschiedlich. Geht es bei einigen beispielsweise darum, durch Kommunikation ihre Deutschkenntnisse zu verbessern, möchten andere wiederum nützlich für die Gesellschaft sein, oder der Einsamkeit der eigenen vier Wände entkommen. Allgemeine Einigkeit herrscht unter den Teilnehmern jedoch über die Frage nach dem persönlichen Nutzen ihres Beitrages. „Indem ich anderen helfe, helfe ich auch mir. Das ist eine gute Übung gegen Egoismus“, formuliert einer der Anwesenden.

Durch die Zusammenarbeit mit Nonprofit-Organisationen in der Steiermark wird Interessierten die Möglichkeit geboten, sich individuell für einen Arbeitsplatz zu entscheiden. Somit werden auch Stärken, Schwächen und Präferenzen des jeweiligen Teilnehmers berücksichtigt. Diese können sich unter anderem an Essensausgaben, Spendenaktionen oder in der Alten- oder Behindertenbetreuung engagieren.

Workshop-Leiterin Christina Kopinits gibt Ratschläge. Workshop-Leiterin Christina Kopinits gibt Ratschläge.

Konkrete Zusammenarbeit auf diesem Gebiet gibt es bisher mit dem Roten Kreuz, der Lebenshilfe und der Caritas. Auch in Wien haben einige Firmen bereits Interesse an GIVE angemeldet. Nach wie vor suche man aber noch weitere Interessenten, die sich bereit erklären würden, Personen auf freiwilliger Basis zu beschäftigen, so Unger.Vom Programm erfahren haben viele der Teilnehmer in MigrantInnenvereinen oder Kursen der Caritas. Einige besuchen den Workshop auch auf Anraten von Freunden und Bekannten.

Anushka, eine 21-Jähre Künstlerin aus Armenien, erklärt im Gespräch mit der Annenpost: „Ich habe von diesem Projekt in meinem Deutschkurs erfahren. Heute bin ich hier, weil ich großes Interesse für freiwillige Arbeit habe und einfach Neugierig bin, was mich hier erwartet.“ Seit 8 Monaten betreut die Kunstschulabsolventin auf freiwilliger Basis eine ältere Dame, deren Anzeige sie in einer lokalen Zeitung entdeckt hat. Ihr Deutsch hätte sich seitdem sehr verbessert, sagt sie. Ganz nebenbei mache ihr die Tätigkeit großen Spaß.

Zwei Kursteilnehmer diskutieren angeregt miteinander.Zwei Kursteilnehmer diskutieren angeregt miteinander.

 Im Zuge des Workshops, der noch bis Ende Mai laufen wird, sollen drei grundlegende Dinge erarbeitet werden. „ Zum Einen eine möglichst große Partizipation von Migranten und zum Anderen der Start einer Informationskampagne mit Plakaten und Prospekten in Graz“, erklärt Sophie Hofbauer, Projektkoordinatorin der IOM. Als dritte Komponente wird versucht, ein „Toolkit“, ein Handbuch für Interessierte zu erstellen, mit dessen Hilfe die Teilnahme an GIVE für Unternehmen sowie interessierten Migranten vereinfacht werden soll.

In Deutschland, der Schweiz und Großbritannien wurde diese Idee bereits erfolgreich durchgesetzt. Abzuwarten bleibt, ob sich in Österreich ein ähnlicher Erfolg einstellen wird. Geht es nach den Teilnehmern der Workshops an diesem Tag, hat diese Idee durchaus Zukunft.

 

Geboren in Österreich. Aufgewachsen in Kenia. Wahlheimat: Teneriffa. Ich reise leidenschaftlich gerne und könnte nicht ohne Musik und Kaffee in den Tag starten. Wenn ich gestresst bin, fange ich an zu backen, was mich vor allem in den Prüfungszeiten bei meinen Kollegen sehr beliebt macht.

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