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Geschichte wird wieder sichtbar gemacht

in KULTUR von

Zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 hat die Künstlerin Catrin Bolt den Zeitzeugenbericht des damaligen Grazer Oberrabbiners David Herzog als „Lauftext“ im öffentlichen Raum montiert.

Am 9. November 1938, der sogenannten Reichspogromnacht brannte auch die Synagoge im Bezirk Gries.

Der damalige Oberrabbiner David Herzog wurde wie viele andere Juden gewaltsam aus seiner Wohnung auf die Straße gezerrt, misshandelt und durch die Straßen getrieben. Doch Herzog konnte fliehen und schrieb seine Erlebnisse aus jener Nacht auf.

Die in Friesach geborene Catrin Bolt ist seit mehreren Jahren als Künstlerin im öffentlichen Raum tätig. Sie hat eine gekürzte Version von Herzogs Bericht auf die Gehsteige von der Radetzkystraße über die Rosengasse bis zum Griesplatz aufgetragen. „Nun wurde ich auf die Straße getrieben und zu laufen geheißen“, schreibt Herzog. Der von Frau Bolt ausgewählte Abschnitt des Berichts beschreibt die Geschehnisse jener Nacht, die auf dieser Strecke stattfanden.

 

Entlang dieser Strecke verläuft der "Lauftext"
Entlang dieser Strecke verläuft der „Lauftext“.

 

Mithilfe von Schablonen und schwarzer Straßenfarbe haben die Künstlerin und mehrere Helfer den Lauftext auf die Gehwege gepinselt. Etwas mehr als drei Tage haben sie gearbeitet. Und das nicht immer ohne Hindernisse. „Eine Besitzerin eines Geschäftes hat sofort Polizei und Hausbesitzer verständigt und eine Unterschriftenliste gegen das Projekt begonnen, ein anderer hat mit Überschüttung gedroht, wieder jemand anders hat uns Schablonen weggenommen“, erzählt die Künstlerin. Auch vor der Umsetzung des Projekts musste eine große Hürde überwunden werden. Das Straßenamt der Stadt Graz ließ mit seiner Zustimmung auf sich warten. „Um die Genehmigung für das Mahnmal zu bekommen war einiges an Durchhaltevermögen vonnöten.“, sagt Catrin Bolt. Doch es gab auch viele positive Reaktionen. So verschloss ein Ladenbesitzer prompt sein Geschäft um den Text zu lesen, ein Anrainer äußerte sogar den Wunsch, dass der Text direkt vor seiner Einfahrt aufgetragen wird.

 

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Teile des Schriftzuges in der Kleegasse

 

Catrin Bolt freut sich über das große Interesse und die überwiegend positiven Reaktionen bisher. Vor allem ist ihr aber die Auseinandersetzung mit dem Thema wichtig. Das Ziel ist, den Betrachter in das Werk mit einzubinden, sodass er sich mit der Geschichte Herzogs auseinandersetzt und in weiterer Folge  auch mit der Zeit, in der das Ereignis stattfand.  Die bereits existierenden Mahnmale in Graz sind, ihrer Meinung nach, sehr unauffällig platziert. „Ich finde ein deutliches Zeichen sehr wichtig, und fand die Strecke für den Lauftext in dem Fall sehr gut und passend, da er ja recht zentral gelegen ist“, begründet Catrin Bolt die Entscheidung für den Standort ihres Projekts.
Die Künstlerin hat mit Absicht eine sehr subjektive Darstellung der Ereignisse gewählt, da sie diese als besser nachvollziehbar empfindet als historische Texte. Außerdem ist es ihr ein Anliegen, dass auch Menschen, die wenig über die historischen Hintergründe wissen, sich die Umstände, die damals herrschten, vorstellen und verstehen können.
Die Künstlerin wünscht sich, dass die Leute ihre Umgebung wieder mehr wahrnehmen. Durch das Verwenden des Stadtraums hat Catrin Bolt diesen in das Blickfeld der Bewohner gestellt.

Plötzlich haben viele Leute ihren Raum, den sie sonst gar nicht als ihren wahrnehmen, zurückhaben wollen oder es ganz toll gefunden, den so zu benutzen.

Zur intensiveren Beschäftigung mit dem Thema des Mahnmals liegen ab 8. November in der Konditorei „Deutsch“ in der Radetzkystraße und im Wirtshaus „Zu den drei goldenen Kugeln“ am Griesplatz kostenlose Broschüren zum Mitnehmen auf. Darin findet man unter anderem die ungekürzte Version von Herzogs Bericht und weiterführende Texte.

Der „Lauftext“ kann jederzeit innerhalb der nächsten zwei Jahre gelesen werden. Solange sollte die Farbe auf den Gehsteigen erhalten bleiben. Am 8.November findet um 15.00 in der Rosenkranzgasse 12/Ecke Kleegasse die offizielle Eröffnung statt.

 

[box]Weitere Veranstaltungen zum Gedenken an die Pogromnacht in Graz:
Samstag, 09. November 2013 19 Uhr: Gedenkveranstaltung „75 Jahre Reichspogromnacht in Graz“
Grazer Synagoge
David Herzog Platz 1
8020 Graz
www.ikv-graz.at

Dienstag, 12. November 2013 19.00 Uhr: Buchpräsentation mit Lesung „Die Erinnerungen des Grazer Rabbiners David Herzog (1932 bis 1938)“ GrazMuseum
Sackstraße 18 8010 Graz
www.clio-graz.net[/box]

mich. Von einem kleinen Dorf im Salzburger Flachgau, zog ich im Oktober nach Graz. Die FH Joanneum hat gerufen. Neben meiner hauptberuflichen Tätigkeit als Journalismus-Studentin, bin ich Alles-und Viel-Leserin, leidenschaftliche Hobbybäckerin und Weltenbummlerin. Da mich das Fernweh letztes Jahr besonders schlimm erwischte, habe ich meine Koffer gepackt, um in England als Au-Pair zu arbeiten. In neun Monaten habe ich Land und Leute kennengelernt und mit den Vorurteilen über das schlechte Wetter konnte ich auch aufräumen. Im Winter begeistert auf Ski und Snowboard unterwegs, im Sommer am liebsten am Meer, hab ich immer Freunde oder Familie im Gepäck. Was ich nicht kann? Bei Schokolade widerstehen.

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