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Copstories aus dem Annenviertel – von g‘selchten Leichen und G’soffenen

An der Wand hängt ein Franziskuskreuz, stumm starrt Jesus auf den Aufenthaltsraum der Polizeidienststelle Hauptbahnhof herab. Ein großer Kühlschrank brummt, auf dem Tisch in der Mitte steht eine Flasche Maresi, daneben eine halb aufgegessene Torte unter einer Plastikverpackung. Der Fernseher läuft, ein Beamter schaut stehend die Zeit im Bild.

Journalisten der Annenpost begleiteten Polizistinnen und Polizisten bei der Ausübung ihres Berufs. Zunächst gingen wir auf Fußstreife, dann seien wir im Streifenwagen unterwegs, erklärt Polizeikommandant K.* Er spricht mit leiser, ruhiger Stimme. Man muss sich konzentrieren, um ihn zu verstehen. Die Kollegen, die später mit auf Streife fahren, stellen sich vor. B.*, mittleren Alters und die Brille halb auf der Nase, halb auf der Stirn. Kollegin A.*, nun schon seit zehn Jahren im Dienst, dunkle  Augen, man kann die Iris kaum von der Pupille unterscheiden.

Über Funk kommt eine Meldung herein: Ein alkoholisierter Mann startete am Bahnhof in unmittelbarer Nähe der Dienststelle sein Kraftfahrzeug, fuhr los und beschädigte dabei ein anderes Auto. Er sieht „schuldig“ aus, ertappt, wie ein Kind, das jemanden einen Streich gespielt hat und dabei erwischt wurde. Kommandant K. fragt den auf einer Bank im Vorzimmer zusammengesunkenen Mann nach einem Ausweis, jener lallt. „Verstehen Sie mich?“, fragt K. „Ja. Bin Österreicher.“ „Sie sind alkoholisiert. Ich muss Sie zu einem Alkoholtest auffordern.“ Mithilfe eines Beamten richtet sich der Angesprochene auf und torkelt in die Dienststube.

Während die Beamten die gesetzliche vorgeschriebene Wartezeit von einer Viertelstunde abwarten, befragen sie den Mann nach eingenommen Medikamenten, eventuellen Krankheiten und warum und wie viel er getrunken habe. R. sucht nach seinem Handy um seiner Frau Bescheid geben zu können, seine Motorik funktioniert jedoch nicht so recht. Geld fällt zu Boden. Dann beginnt der Test, fest bläst er in den Schlauch.

© Lucas Kundigraber

Währenddessen klopft Herr O. an die Scheibe des Empfangszimmers. Sein struppiger, verfilzter, schwarzer Bart verschwindet im Kragen einer blassen Winterjacke, die Moonboots an seinen Füßen fallen fast auseinander. Er fragt um ein Quartier an. „Das sind ja arme Teufel“, meint ein Beamter, während er Kontakt zu verschiedenen Notschlafstellen aufnimmt.

© Lucas Kundigraber

Das Resultat des Alkoholtests von R. beträgt 2,4 Promille. Er sucht weiterhin nach seinem Handy, findet die Geldtasche. Wieder klimpern Münzen zu Boden. Er drückt auf der Geldtasche herum. „Da wirst nix finden, Meister aller Klassen!“, meint Polizist B., die Brille nun in der Brusttasche verstaut. „Schau, könnt’s Handy nicht da drin sein?“ Das Handy fällt aus der Hand zu Boden, der Akku springt heraus. B. seufzt und holt die Brille heraus, um sie sich auf die Nase zu setzen.

Ein Getränk hab ich getrunken. Mehr net.“ Den ganzen Tag habe R. in der Wiener Straße gearbeitet, seit 13 Jahren sei er bei seiner Firma tätig. Eine Beamtin reicht ihm ein Glas Wasser, er stürzt es hinunter, ein wenig spritzt ihm auf die Firmenjacke. „Hast gleich duscht auch, was!“, meint B. Dem Obdachlosen, Herrn O., wird mitgeteilt dass er in sämtlichen Notschlafstellen Nächtigungsverbot hat. Er verlässt die Dienststube wortlos, der alkoholisierte R. nickt kurz ein.

B., wieder ohne Brille, beginnt mit dem Betrunkenen über den Wohnort zu sprechen. „Kennst den Hubsi?“ R. kennt ihn vielleicht, der Beamte bestimmt. Fünf Cent liegen noch immer am Boden, der Akku passt weiterhin nicht in das Handy. „Wart, lass mich dir helfen“, der Polizist steckt den Akku in das Mobiltelefon. Die beiden vollführen einen Handshake, nachdem das Handy „repariert“ wurde. R. drohen eine Verwaltungsstrafe, eine Nachschulung oder der Führerscheinentzug und womöglich Konsequenzen beim Arbeitgeber.

© Lucas Kundigraber

K., ein Eukalyptusbonbon lutschend, leitet die Recherchen und Überprüfungen im Hintergrund, soeben vernahm er die Zeugen. Mit abschätzendem Blick auf R. meint er plötzlich, dass Obdachlose wie der Herr O. sich meist etwas anderes suchen, so fänden sie oft Quartier in abgestellten Schlafzügen der ÖBB. Er verlässt mit der Kollegin S. die Dienststube und begibt sich auf Fußstreife.

Die Route der Fußstreife

Die Route der Fußstreife

Gemeinsam mit Kollegin S. betritt K. die Bahnhofshalle. Ein Obdachloser grüßt ihn. Bei der nächsten Sitzbank wird kontrolliert. Es handelt sich um ältere Herren und einen Jugendlichen in ihrer Mitte. „Hier handelt es sich um Fremde, die wir nicht kennen. Jetzt überprüfen wir, ob ihr Aufenthaltsstatus in Ordnung ist“, so K., während seine Kollegin die erhaltenen Ausweise begutachtet und Rücksprache mit der Zentrale hält.

© Lucas Kundigraber

Ein älterer Mann kann seinen Ausweis nicht finden, ein wenig panisch bellt er abgehackte Worte ins Mobiltelefon. „Wer spricht Deutsch?“, erkundigt sich K., der Jugendliche meldet sich. „Er ruft Neffen an, wegen Ausweis.“ K. steht ruhig da, er wippt auf den Sicherheitsschuhen ein wenig auf und ab, abwartend, sondierend. Dann ertönt Gelächter – der Ausweis war in der Jackentasche. „T’schuldigung“, meint der Herr lächelnd, „mein Hirn!“ Im Hintergrund schlendert Herr O. vorbei. Dann werden die Ausweise zurückgegeben – alle, bis auf einen.

© Lucas Kundigraber

Der Jugendliche muss mit zur Dienststelle. Sein Aufenthaltsort ist nicht bekannt, eine Aufenthaltsermittlung für das Gericht läuft. Er beteuert seine Unschuld und dass er dem Gericht seinen Aufenthaltsort schon bekannt gegeben hätte. Ein Beamter klärt den Sachverhalt, der Jugendliche verlässt den Vorraum.

© Lucas Kundigraber

Nach einer kurzen Kaffeepause treffen die Annenpost-Journalisten in einer Zivilstreife an einem Tatort ein, wo gerade ein Rettungteam einen Verletzten erstversorgt. Angeblich wurde er von einem Auto niedergefahren, der Rettungswagen fährt mit Blaulicht und Folgetonhorn davon. Die Zeugen, ein älterer Herr mit Mantel, eine Blondine mit Kind im Arm und ein beleibter Mann, der Freund oder Ehemann der Frau, stehen rund um die Beamten und plappern aufgeregt. Für die Beamten beginnt das Warten auf den VUD, den Verkehrsunfalldienst. Diese Einheit der Polizei sichert den Unfallort. Erst wenn jene eingetroffen ist und die Arbeit aufnimmt darf die Streife weiterfahren.

© Lucas Kundigraber

Ich hab noch immer den Geruch vom R. in der Nase“, meint B. während des Wartens. „Letztens hatte ich am Gürtel a Leich, die ist im November gestorben.“ Erst im Februar mutmaßten die Nachbarn, dass etwas nicht stimmt, und verständigten die Exekutive. „Rabenschwarz. Luftgselcht.“ An den Geruch gewöhnt man sich nie, so B. Er setzt die Brille ab und blickt nachdenklich zu Boden. „Eine Hand unter dem Kopf, die andere am Bauch. In der die Fernbedienung. Herzinfarkt, Fernseher ist g’rennt, Teletext war ein. Dadurch haben wir den Todeszeitpunkt bestimmen können.“ Er lächelt. Da trifft der Wagen der VUD ein. „Die haben so schöne, große Autos“, murmelt B., setzt sich die Brille wieder auf und schlendert den aussteigenden Kollegen entgegen. Beide sind schon etwas älter, der eine trägt einen buschigen Schnauzbart, beide kauen Kaugummi. Man kennt sich, mit Handschlag wird begrüßt, schnell und einfach ist der Tatvorgang erklärt, die Streife fährt weiter.

© Lucas Kundigraber

In der Nähe des Bahnhofgürtels stellen sich die Beamten mit einer Radarpistole auf die Lauer. „Bin i z’schnö?“, so die ängstliche Frage eines jungen Mannes mit einem schwarzen Honda Civic, den Kollegin A. mit einer Leuchtkelle herauswinkt. Die zweite Kontrolle betrifft einen Brillenträger im mittleren Alter mit einem Alfa Romeo. „Wichtig ist, immer zu schauen, was im Handschuhfach ist.“, erklärt A., während B. mit der Taschenlampe die leere Beifahrerseite ausleuchtet. „Pistole, Messer, haben wir alles schon gehabt, dass die da hingreifen und dann gehts schnell.

Auf der Suche nach dem Verbandskoffer und Warndreieck schiebt der Inhaber des Autos Einkaufstaschen beiseite, Bananen fallen fast zu Boden. Abschließend darf er noch blasen, B. hält ihm das kleine Alkotestgerät hin, um es gleich wieder zurück zu nehmen. „Das ist auch typisch.“, grummelt er. Das Gerät hat eine Kontaktstörung, er nimmt die Batterien heraus, schüttelt das Testgerät kräftig und gibt die Batterien wieder hinein. Das Gerät sei schon des Öfteren eingeschickt worden. Von der Reparaturfirma hat es immer nur geheißen, dass das kein Defekt ist und man eben schütteln solle. Der Brillenträger pustet kräftig in das Testgerät. 0,0 Promille, der Alfa röhrt auf.

22:20 Uhr, nun befindet sich die Streife auf den Weg zu einigen Baustellen, um jene zu kontrollieren. Im Auto der Zivilstreife dröhnt „Ein Kompliment“, Mundgeruch geistert umher, während die Beamten sich über den ungewohnt ruhigen Abend unterhalten. „Enttäuscht, dass „nix“ ist, ist man eher nicht. Es gibt ja so auch genug an Papierkram zu erledigen“, ertönt es während man Richtung Leiner fährt. Bei der dortigen Baustelle wurden Container aufgebrochen, die eher mickrigen Vorhängeschlösser erwecken den Anschein, dass das bald wieder passieren könnte.

Da drin befinden sich Hilti-Maschinen und so. Ziemlich wertvoll.“, meint A. nach einem prüfenden Blick auf ein Schloss. Schließlich wendet man sich der letzten Station des Abends zu – eine Baustelle hinter dem Bahnhof. Aufgrund der gesperrten Unterführung muss man einen Umweg in Kauf nehmen, während der Fahrt lauschen die Beamten den Funksprüchen anderer Einheiten in Graz. Eine Rauferei in der Herrengasse stellt sich als Fehlalarm heraus, Jugendliche erlaubten sich nur einen Spaß. Anderswo jedoch springen einige auf Autos herum, drei Streifen machen sich umgehend auf den Weg, von einem Einsatzleiter koordiniert.

Bei der Baustelle angekommen, bietet sich für die Polizisten eine Überraschung. Die Container sind weg. „Entweder haben uns die Diebe nun endgültig die Arbeit abgenommen – oder die Baufirma war ein wenig g’scheiter und hat die Container verlegen lassen“, lacht B. „So oder so – zurück zur Zentrale.

© Lucas Kundigraber

*Namen den Autoren bekannt

von Lucas Kundigraber und Maximilian Tonsern

Über den Autor

Maximilian Tonsern
Maximilian Tonsern
Mehr gibt's unter feuilletonsern.at
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2 Kommentare zu "Copstories aus dem Annenviertel – von g‘selchten Leichen und G’soffenen"

  1. Hineinziehend geschrieben, gut zu lesen. Akzentuiert gesetzte Details, die ein Ranzoomen an die jeweilige Situation gewähren. Gelungene G’schicht!

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