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Mitten in der Krefelderstraß‘n

Heute jährt sich zum 75. Mal der „Anschluss“ – im Jahr 1938 wurde Österreich Teil des Nationalsozialistischen Deutschland. Auch in Graz und im Annenviertel wurden die deutschen Truppen jubelnd empfangen und Straßen euphorisch mit Hakenkreuzfahnen beflaggt. Ein Rückblick auf die unmittelbare Zeit nach dem „Anschluss“, das Schicksal der Grazer jüdischen Bevölkerung und die Veränderungen, die das Annenviertel nach dem Ende des „Dritten Reiches“ hinnehmen musste.

Am 12. März 1938 überschreiten Truppen der deutschen Wehrmacht die österreichische Grenze und marschieren – vielerorts unter großem Jubel der Bevölkerung – in Österreich ein. Einen Tag später erfolgt der „Anschluss“: Nach der immensen Zunahme des Machteinflusses von Nazideutschland wird Österreich als „Ostmark“ in das Deutsche Reich eingegliedert. Trotz Parteiverbotes waren tausende Nationalsozialisten bereits am 24. Februar 1938 durch Graz und durch die Annenstraße gezogen. Am 11. März 1938 schließlich übernahmen lokale Nationalsozialisten vor dem Eintreffen von deutschen Truppen die Kontrolle in Graz.

Nach dem vollzogenen „Anschluss“ wird die Annenstraße nach der damaligen Schwesternstadt Krefeld in „Krefelderstraße“ umbenannt. Die Straße war damals eine lebhafte, frequentierte Straße, meint der Grazer Stadthistoriker Kubinzky: „Die Annenstraße war immer eine lustige Straße mit Kaffeehäusern und Kinos. Es gibt einen netten Abzählvers: ‚Du hast dich küssen lassen, mitten auf der Annenstraß’n, Mutti hat’s gesehn und du musst gehn.‘  Die Annenstraße war zwar nicht ein allzu großer Sündenpfahl, aber so manch eine Mutter hatte keine Freude wenn die Tochter in der Annenstraße war.“

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Stadthistoriker Karl Kubinzky im Gespräch

Vor als auch nach 1938 werden in Graz zu jeder Zeit Märsche und Demonstrationen abgehalten, die Krefelderstraße ist Teil einer beliebten Route. „Die Betriebe sind marschiert, die Teilorganisationen der NSDAP. Ununterbrochen fanden irgendwelche Jubelerklärungen, Fackelzüge und Betriebsversammlungen statt“, so Kubinzky. Im Roseggerhaus befand sich nach dem Café Rosegger nun das Café Rheingold, eines der nobelsten und größten Cafés in Graz zu jener Zeit. Alsbald schmückte eine Hitlerbüste das zweistöckige Café.

Am 3. und 4. April besuchte Adolf Hitler als Auftakt seiner Propagandareise durch Österreich Graz. Höhepunkt seines Besuches wird ein Triumphzug durch die Straßen, bei dem auch viele extra angereiste Nicht-Grazer dem „Führer“ zujubelten. Gerüchten unter Historikern zufolge führte dieser Triumphzug deswegen nicht durch die Krefeldstraße (sondern durch die Keplerstraße), da sich in der Krefeldstraße zu jener Zeit viele jüdische Geschäfte befanden.

Die Bezirke Lend und Gries waren die zwei Bezirke mit dem höchsten Anteil jüdischer Bevölkerung. „Allerdings hat es in Graz nie mehr als 1 bis 2 Prozent Juden gegeben“, erklärt Kubinzky. Juden waren also eine absolute Minderheit in Graz. Im Bezirk Gries befand sich die Synagoge, in der Krefelderstraße waren jüdische Geschäfte angesiedelt.

Liste jüdischer Geschäfte

Liste jüdischer Geschäfte in der Annenstraße und Herrengasse

„An der Linie Bahnhof-Annenstraße-Murgasse waren überdurchschnittlich viele jüdische  Geschäfte“, weiß der Stadthistoriker. Großteils waren es Kleinsthändler und Straßenhändler, die in der Krefelderstraße ihre Geschäfte betrieben. Die Geschäfte der jüdischen Bevölkerung, circa 20 an der Zahl, handelten laut Kubinzky mit „Konfektion, Gold, Silber Brillen, Schuhe, Leder, Getreidehandel und Fisch. Es gab auch jüdische Händler, die Zündhölzer in Bauchläden in den Cafés anboten.“

Die Krefelderstraße (heutige Annenstraße)

Einen traurigen Höhepunkt der Gewalt gegen österreichische Juden im Jahr 1938 stellte die Nacht vom 9. auf den 10. November dar. Das Attentat eines 17-jährigen Juden in der deutschen Botschaft in Paris an einem deutschen Botschaftsbeamten nahmen die Nationalsozialisten als Beweggrund, um im gesamten NS-Herrschaftsgebiet  Gewaltexzesse gegen die jüdische Bevölkerung zu richten. Auch in Graz – rund 80 Prozent der steirischen Juden lebten in der Landeshauptstadt –  zogen SA- und SS-Männer in der „Reichskristallnacht“, wie die Nationalsozialisten diese euphemistisch nannten, durch die Straßen, um die jüdische Bevölkerung aus ihren Häusern zu treiben, jüdische Geschäft zu zerstören und religiöse Stätten in Brand zu stecken.

So wurde beispielsweise der Rabbiner der Grazer Synagoge, David Herzog, von SS-Männern unter Morddrohungen bis zum jüdischen Friedhof nach Wetzelsdorf gehetzt, wo er schwer misshandelt auf einem Feld liegen gelassen wurde. Trotz so mancher kritischer Stimmen nach der Pogromnacht waren Bürger oftmals begeisterte Zuschauer solcher Gewaltszenen – und auch so manche Mittäter fanden sich in der Zivilbevölkerung, wie Kubinzky zu berichten weiß: „Angeblich waren nicht viele dabei, der Pogrom fand aber ein großes mediales Echo.“ Die Vernichtung der Synagoge begeisterte die Grazer Bevölkerung besonders. Etliche Schaulustige ließen sich das Spektakel nicht entgehen. „Endlich ist der Schandfleck weg, hieß es da“, sagt Kubinzky.

Die Feuerwehr war beim Brand anwesend, jedoch nur, um ein mögliches Übergreifen des Feuers auf die Häuser  nichtjüdischer Bewohner zu verhindern.  Schon in den darauffolgenden Tagen wurden die Brandreste der Synagoge gesprengt, die rund 900 Juden, die sich noch in Graz befanden, mussten für sämtliche durch die Zerstörung entstandenen Schäden aufkommen, etwaige ausbezahlte Versicherungssummen dem „Reich“ zurückerstatten und eine „Sündenzahlung“ von einer Milliarde Reichsmark für den Tod des deutschen Botschafters zahlen.

Alle übriggeblieben Geschäfte wurden zwangsarisiert. „Inventar wurde zum Verkauf angeboten, große Geschäfte von Ariseuren weitergeführt; hierfür gab es sogar Zeitungsannoncen“,  erklärt Kubinzky. 1939 war das Ziel der Nationalsozialisten, Graz „judenfrei“ zu bekommen, umgesetzt, so ist es historisch überliefert. „Das ist aber nur teilweise richtig, es gab noch versteckte Juden und ‚Viertel‘- beziehungsweise ‚Halbjuden‘, die nicht erwischt wurden“, stellt Kubinzky den Sachverhalt richtig.

© links Karl Kubinzky, (c) rechts Lucas Kundigraber

Bombenkrater in der Volksgartenstraße

Nach dem Ende des „Tausendjährigen Reiches“ war die Annenstraße weitgehend zerbombt. Neben Wohnhäusern, die Dutzende Treffer hinnehmen mussten, wurde auch das große Brauereirestaurant „Annensäle“ (Nähe Eggenberger Gürtel) stark beschädigt und nicht mehr errichtet.

Das ehemalige Unionkino in der Annenstraße, schräg gegenüber vom Annenhofkino, von einem Bombentreffer zerstört

Die Annenstraße wurde jedoch relativ schnell wieder aufgebaut. „Das wurde nach dem Krieg schnell wieder aufgebaut, aber natürlich hässlich und provisorisch“, meint Kubinzky. So wandelte sich die bürgerliche schöne Annenstraßen-Architektur der Vorkriegszeit zu einer, wie der Stadthistoriker meint, „hässlichen Wiederaufbauarchitektur.“

Ein Artikel von Adrian Engel und Maximilian Tonsern

Über den Autor

Adrian Engel
Adrian Engel
Adrian "Zwitscher" Engel ist ein Multitalent. Vormittags Journalist für die Annenpost, Nachmittags Topstürmer seines Vereins JSV Mariatrost. Und nachts? Da verwandelt er sich in einen Partytiger und tanzt in einer der Grazer Discos zu schrillen Techno-Beats. Als Ausgleich zum sonst so stressigen Alltag genießt der 19-jährige Urgrazer die ruhigen Wochenendtage vor seinem warmen Kamin. "Einfach mal die Seele baumeln lassen. Die Zeit vergessen."
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