Königlicher Besuch bei fremden Kulturen

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Zahlreiche engagierte  Kinder, Jugendliche und Erwachsene waren auch heuer wieder als Sternsinger im Annenviertel unterwegs. Ein nachmittäglicher Gang mit Caspar, Melchior und Balthasar an viele Türen, hinein in viele fremde Wohnzimmer und Kulturen.

Schon den vierten Tag ziehen die Sternsinger der Pfarrkirche St. Andrä von Haus zu Haus. Als die „Weisen aus dem Morgenland“ sagen Anna, Katharina, Susanne und Gottfried nun zum letzten Mal für dieses Jahr ihre Sprüche auf, singen Lieder, verteilen Weihrauch und schreiben mit Kreide den traditionellen Spruch „20 – C + M + B – 13“ an die Türen. „Die vielen Nationalitäten hier im Gries machen es spannend. Du weißt nie, was dich erwartet“, sagt Gottfried, 36, und schon seit der Volksschulzeit Sternsinger. Er soll seinen Gefährten als Sternenträger und Gruppenältester den Weg durch das ihnen zugeteilte Gebiet rund um die Lazarettgasse weisen. Längst ist die Dreikönigsaktion des Hilfswerks der Katholischen Jungschar mehr als eine einmalige Aktion im Januar. Neben 500 Projekten von Äthiopien über Indien bis nach Nepal, wird ein Großteil des Geldes heuer für Schulprojekte nach Ägypten überwiesen. Allein die Pfarrkirche St. Andrä sammelt jährlich zwischen 7.000 und 13.000 Euro.

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13:22 Uhr. „C + M + B? Was bedeutet das?“, fragt ein etwa 50-jähriger Mann den königlichen Besuch. „Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus“, erklärt Gottfried. „Oder eben Caspar, Melchior, Balthasar – wie es im Volksmund oft gedeutet wird“, sagt er. Zufrieden lächelt der Mann in Gottfrieds Richtung  – wieder etwas dazugelernt. Früher wurde der Schriftzug auch auf die Türen der abwesenden Bewohner geschrieben, doch das hat sich geändert. Dort, wo schon vom letzten Jahr etwas draufsteht, bessert Susanne die Jahreszahl aus und gibt einen Flyer dazu. „Einfach raufschreiben geht nicht mehr. Das mögen die Muslime nicht“, sagt Anna. „Aber die Sternsinger werden fast überall freundlich aufgenommen. Wir haben auch schon bei muslimischen Frauen gesungen“, ergänzt Susanne. Bereits am Vormittag beteten die Weisen aus dem Morgenland gemeinsam mit einer schwerkranken Frau. „Sie hatte danach Tränen in den Augen. Den Menschen im Leid und in der Freude zu begegnen, ist etwas ganz Besonderes“, so Gottfried. Und Susanne meint gar: „Solche Begegnungen machen es wert,  den ganzen Tag zu gehen. Auch wenn viele Türen geschlossen bleiben.“

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13:54 Uhr. Eine ältere Dame öffnet nach mehrmaligem Läuten zögerlich die Tür. „Dürfen wir für Sie singen?“, fragt Susanne. Die Situation ist der ungekämmten Frau sichtlich unangenehm, nervös blickt sie nach allen Seiten und schüttelt den Kopf: „kein Deutsch.“ Ein flehentliches „Rumänien“, wirft sie den Königlichen quasi als Entschuldigungsgrund entgegen.  Währenddessen ist sie schon dabei, die dicke Holztüre wieder zu schließen. Katharina gibt so schnell nicht auf: „Warten Sie! Das macht doch nichts – Musik ist international“, und schon legen die drei Königinnen im Zusammenspiel mit dem Sternenträger los.

Als der letzte Ton von „Hark the Herald Angels Sing“ verklungen ist, steht auch der Ehemann vor der Tür. „Gott segne Sie“, wünscht er uns mehrmals. Die unzähligen Goldzähne des Rumänen blitzen uns freudig entgegen  – „vielen, vielen Dank“, meint der Herr abschließend.

14:10 Uhr. Auch während der „aufführungsfreien“ Zeit wird munter weitergeträllert. Um Eintönigkeit zu vermeiden, werden keine Kirchenlieder, sondern englischsprachige All-Time-Oldies in den Stiegenhäusern der Altbauten zum Besten gegeben. „In the Light“ von DC Talk hallt es von den düstergrauen Wänden wider.

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14:26 Uhr. Ein zirka 20-jähriger Türke steht verlegen an der Tür. Wieder die obligatorische Frage, ob man denn für ihn singen dürfe. Eine kleine Spende würde man dann auch gerne nehmen. „Nein, danke. Ich bin sehr müde und habe kein Geld. Ich habe mich gestern ausgesperrt und 200 Euro für den Schlüsseldienst ausgegeben – deshalb bin ich müde“, erklärt er kleinlaut.

15:20 Uhr. Ein Afrikaner, ein Ruandese, wie wir wenig später erfahren, öffnet die Tür und bittet uns höflich herein. Dort warten eine Frau und ein Mann, der mit seinem teuer aussehenden Anzug so gar nicht ins gewohnte Bild der sonst öffnenden Pyjama- und Trainingsanzugträger passt. Die Frau hat ob der spärlichen Beheizung in der Wohnung eine Haube auf. Obwohl sie derzeit eine Fußverletzung plagt und auf Krücken angewiesen ist, steht sie auf und begrüßt alle herzlichst. Plötzlich zieht der Anzugträger seine Stirn in Falten, er denkt nach, sucht nach diesem einen speziellen Wort. Dann hellt sich seine Miene auf: „Stern-sin-ger?“, kommt es zögerlich über seine Lippen. Während Susanne ihr Sprüchlein aufsagt, übersetzt er Satz für Satz. Die schließt die Augen und lächelt. „Sollen wir gemeinsam beten?“, fragt Gottfried. „Ja. Wir sind auch Christen.“ Wieder klingt es wie eine Entschuldigung. Einen Kreis bildend und an den Händen haltend wird gebetet – am Ende wechselt Gottfried,  der bereits zwei Mal im Dienste des Pfarrverbands in Ruanda war, mit den Hausherren einige Worte in ihrer Landessprache. „Ich habe auch ein Jahr in einem Slum in Manila (Philippinen) gelebt und weiß, dass das Geld von den Sternsingern auch wirklich ankommt“, erklärt  Gottfried. Inzwischen sagen unsere afrikanischen Gastgeber immer wieder „Danke, danke, danke“, und jeder merkt, dass dieser Dank wirklich erstgemeint ist.

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15:29 Uhr. Im Stockwerk darüber öffnet ein kleiner asiatischer Junge. Er sei allein daheim, meint er schüchtern. Und die Tür dürfe er sowieso nicht aufmachen. Trotzdem singen ihm die Könige und ihr Stern ein Lied. Am Ende darf der Bub aus der Mongolei Melchiors Krone aufsetzen, den Stern halten, und Balthasar leiht ihm sogar seinen Umhang.

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16:42 Uhr. Die Motivation schwindet. Seit geraumer Zeit macht niemand auf. Gottfried spürt sein Kreuzleiden wieder. „Vielleicht hätte ich doch noch eine zweite Tablette schlucken sollen.“ Er beschließt fortan nur mehr mit dem Lift zu fahren.

16:45 Uhr. Auch der Rest der Gruppe will nun mit dem Aufzug fahren. Zu fünft quetschen wir uns in den veralteten, zerkratzten, etwa einen Quadratmeter großen Lift. „Ziemlich flott für so a alte Oma, der foahrt jo wie ein junger Hirsch“, meint Katharina, die eigentlich in Bayern wohnt und heute mit ihrer Grazer Freundin Susanne den letzten Tag in Graz sternsingend verbringt.

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16:46 Uhr. Die Lifttür öffnet sich und die Weisen stehen vor einem Schild mit der Aufschrift „Familie Steiner“. Womöglich ist hier endlich wieder wer zuhause und will den Darbietungen lauschen. Und tatsächlich – langsam öffnet sich die Tür. Zwei Senioren bitten die Heiligen aus dem Morgenland höflich, in das heimelig eingerichtete Vorzimmer zu treten. Venezianische Masken hängen an den Wänden. Die Kuckucksuhr tickt laut vor sich hin. Die angenehme Atmosphäre hebt die Stimmung der Reisenden, die Gedichte klappen, auch die Lieder sind schön. Nur Gottfrieds gewagte Improvisation der Bassstimme gelingt im Übereifer nicht. Doch das stört niemanden – ist ja alles für einen guten Zweck.

Aufgewachsen in Bruck an der Glocknerstraße, traute er sich 2010 nach der Matura blutjung und unerfahren heraus aus dem heimeligen Pinzgau und hinein in die große (Medien)-Welt. Angetrieben durch starke Affinität zum Fußball und Eishockey beschloss der begeisterte Hobbymusiker seine Zelte für zwei Jahre in Salzburg aufzuschlagen und dem Universitätslehrgang Sportjournalismus zu frönen. Nach dem erfolgreichen Abschluss und dem zeitgleichen Kurzintermezzo als freier Mitarbeiter bei der APA, ging’s 2012 zum Studieren von Journalismus und PR nach Graz.

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