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Von einarmigen Banditen und Rotwein-Likör

„Dieses Lokal war das mit Abstand heruntergekommenste, das ich mir in Graz angeschaut habe. Aber auch das, in dem ich mich am wohlsten gefühlt habe“, sagt Manuel Willmann. Seit zwei Jahren sind er und seine Partnerin Simone sichtlich stolze Besitzer der Bar Happy Day in der Annenstraße. Sein Lokal ist das erste von dreien, das die Teilnehmer des zweiten Spazierganges durchs Annenviertel, der vom Netzwerk Annenviertel ins Leben gerufen wurde, besuchen.

Rund zwanzig Lokale hat sich der Wirt aus Osttirol in Graz angesehen, bevor er sich dazu entschlossen hat, die Gaststätte in der Annenstraße 61 zu sanieren. Achtzig Prozent seiner Besucher seien Stammgäste, erzählt Manuel, während er Rotwein-Likör an die Gäste verteilt. Glücksspielautomaten sucht man in seinem Lokal vergebens. „Das kommt für mich nicht in Frage. Mir ist es wichtig, dass sich meine Gäste unterhalten“, erklärt er.

Der zweite Lokalstopp führt die Spaziergänger, ins Gasthaus Postl am Esperantoplatz.  Eine Frau sitzt vor einem einarmigen Banditen im eigens separierten „Casino“. Vor ihren Augen drehen sich Kirschen, Orangen, Zitronen und Zwetschken nervös auf dem Bildschirm. Im Gastraum nebenan löffeln indes zwei betagte Damen ihre Gulaschsuppe, während es sich drei Herren bei einem Bier an der Bar gemütlich gemacht haben.

Kommt man mit den Gästen und dem Philosophen Wolfgang Öggl, der den Spaziergang begleitet, ins Gespräch, fällt sofort die tiefe Verwurzelung der Bewohner mit dem Viertel auf. Über jeden Baum, der im Zuge der Neugestaltung der Annenstraße versetzt oder gefällt wird, wird emotional diskutiert. „Ich versteh nicht, warum der Baum am Esperanto-Platz gefällt werden soll. Wenn der im Frühling zu blühen anfängt, schauen nicht nur wir mit großen Augen, sondern auch die Touristen“, sagt ein Gast kopfschüttelnd. Er lebe seit zwölf Jahren im Annenviertel. Früher sei er mit seiner Familie regelmäßig mit dem Zug nach Graz gefahren, um die Annenstraße entlang zu flanieren und einkaufen zu gehen. Außer dem zum Tode verurteilten Baum am Esperantoplatz freut ihn nur noch wenig an der einst beliebten Einkaufsstraße. „Fünfzehn Kebap-Standln und zwanzig Beiseln sind für die Leute kein Grund, um aus der Straßenbahn auszusteigen“, findet er.

Weiter geht es ins Cafe Foyer unmittelbar neben dem Annenhof-Kino. Der benachbarte Annenhof ist vor allem dafür bekannt, dass sich Film- und Kreativfirmen dort angesiedelt haben.  Bei Jung und Alt beliebt, punkte das Cafe vor allem mit seinem „Berliner-Charme“, sagt Simone Reis, Leiterin des Stadtteilmanagements Annenviertel, die den Spaziergang ebenfalls begleitet. Die dunkelroten Wände des Foyer sind bis zur Decke mit eingerahmten Fotos alter Filmszenen tapeziert. Ein imposanter Luster taucht den Raum in ein angenehm warmes, schummriges Licht. Mit dem Besuch des Cafe Foyer endet die Gastro-Tour für die Spaziergänger, denen im Laufe des Abends bewusst wurde, mit welcher Beisel-Vielfalt die Annenstraße auftrumpfen kann.

 

Happy Day Cafe Bar, Annenstraße 61, 8020 Graz

Öffnungszeiten: Mo – Fr 12.00 – 24.00, Sa 14.00 – 24.00

 

Gasthaus Postl, Annenstraße 44, 8020 Graz

Öffnungszeiten: Mo – Fr 8:00 – 6:00, Sa – So 9:00 – 6:00

 

Cafe Foyer, Annenstraße 29, 8020 Graz

Öffnungszeiten: Mo – Do 6:00 – 18:00, Fr 6:00 – 23:00, Sa 7:00 – 13:00

Über den Autor

Julia Hosch
Julia Hosch
* 22.08.1986 // eine Innsbruckerin unterwegs im Annenviertel // Journalismus & PR // FH Joanneum // liebt den Geruch von Zelluloid-Film // findet ein Leben ohne Arbeit langweilig
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