Lendwirbel Tag 1 – Dem Wirbel auf der Spur

in KULTUR von

Vom 4. bis 13. Mai beherrscht der Lendwirbel das Annenviertel. Täglich finden zahlreiche Aktionen und Aufführungen statt, die zur Interaktivität aufrufen. Die Annenpost war am Eröffnungstag dabei und (be)suchte die Veranstaltungen.
Eine Suchaktion.

Text und Fotos von Ina Vodivnik

 

Es ist halb elf Uhr Vormittag am Freitag, dem 4.Mai. Trotz verregneten Wetters mache ich mich mit Aufnahmegerät, Kamera und einer großen Portion Motivation bewaffnet auf zum Lendwirbel. Der Tag ist mit Hilfe der Informationen auf der Website komplett durchgeplant und die erste Station führt mich zu einem mehrsprachigem Frühstück.

 

11 Uhr: Sprachenvielfalt am Marienplatz

Der Verein DANAIDA hat seine Zelte in der Keplerstraße aufgeschlagen und bietet von 10 bis 13 Uhr halbstündig kulinarische Spezialitäten aus verschiedenen Ländern an.
„Der Bezirk Lend ist sehr bunt und vielfältig und DANAIDA will im Zuge des Lendwirbels zeigen, dass Mehrsprachigkeit etwas Gutes ist“, sagt Irene Windisch, die Geschäftsführerin des Vereins. DANAIDA bietet seit 21 Jahren für 70€ pro Semester Deutschkurse für  Immigrantinnen an, außerdem eine Kinderbetreuung und das Projekt „Spielerisch Deutsch lernen“, das fremdsprachige Kinder auf die Schule vorbereiten soll.

Irene Windisch, Geschäftsführerin und Projektleiterin des Vereins DANAIDA

 

Die Veranstaltung wirkt auf den ersten Blick gut besucht, erst beim Durchgehen bemerke ich, dass es 70% Mitarbeiterinnen sind, die durch die Räume wuseln. Diese sind aber sehr offen, informieren mich über die laufenden Projekte und erklären mir ihren eigenen Migrationshintergrund und ihre Funktion bei DANAIDA.
„Ich lebe seit 20 Jahren in Österreich und arbeite seit sieben Jahren in der Kinderbetreuung bei DANAIDA“, sagt Senada Hussain, ursprünglich aus Bosnien. „Durch meine Tätigkeit beim Verein habe ich schon viele meiner Freundinnen dazu gebracht, sich zu überwinden und Deutschkurse in Anspruch zu nehmen.“
Das halbstündige bosnische Frühstück präsentiert aber nicht Hussain, sondern ihre Landsmännin Lejla Ružnic, Mitarbeiterin beim Projekt „Spielerisch Deutsch lernen“ stilecht in bosnischer Tracht.

 

Lejla Ružnic in bosnischer Tracht

 

Gegen zwölf Uhr wird es mit einem Schlag sehr voll in den Räumen der Kinderbetreuung des Vereins, die wegen des schlechten Wetters den Marienplatz als Location ersetzen. Eine Schulklasse plündert das Buffet und unterhält sich mit den DANAIDA- Mitarbeiterinnen.
„Ich habe mich dazu entschieden, mit den Schülerinnen hierher zu kommen, weil die Sprachen, die beim Frühstück behandelt werden, auch in unserer Klasse vertreten sind.“, sagt Francoise Ipoustegui, die die 4. Stufe der Mädchenklasse der Neuen Mittelschule St.Andrä unterrichtet. „Ich habe mir unter dieser Veranstaltung aber leider etwas anderes vorgestellt. Etwa, dass in der halben Stunde beim Frühstück in der angeschriebenen Sprache gesprochen wird, Vorträge stattfinden und vielleicht auch Workshops oder Diskussionen“.

Francoise Ipoustegui, Pädagogin an der NMS St. Andrä

Schülerinnen der NMS St.Andrä: „Wir sind sehr interessiert an fremden Kulturen“

 

Der Höhepunkt des  Multi-Kulti Frühstücks ist der Besuch der Künstlerin Maryam Mohammadi, die den Beitrag des Vereins DANAIDA zu der Ausstellung „Schauplatz Annenviertel„, die bis 29. April im Stadtmuseum zu sehen war, gestaltet hat. Sie kommt, um über das Kunstwerk, das in der Mitte des Raumes platziert ist, zu reden und das letzte Frühstück dieses Tages zu genießen, das sich ihrem Heimatland, dem Iran, widmet. Sie hat sich bereit erklärt, mit mir zu sprechen und hat mir erklärt, wer sie ist, was sie macht, und warum ihr die DANAIDA Frauen so am Herzen liegen:

 

 

Maryam Mohammadi vor den Fotos, die sie gesammelt hat

 

14 Uhr: Shiatsu to go

Satt verlasse ich gegen zwei das vielfältige Frühstück, das sich ab zwölf in einen Brunch verwandelt hat, und freue mich auf meine nächste Station: Im Innenhof der Mariahilferkirche wird von 13 bis 17 Uhr Shiatsu to go angeboten. Hinkommen, mitmachen und entspannen lautet die Devise, zumindest der Homepage nach. Bei Schlechtwetter soll die Aktion auf Dienstag verschoben und in den Palaver an den Lendplatz verlegt werden, weil es aber aufklart und schon drei Stunden nicht mehr geregnet hat, mache ich mich auf zum Mariahilferplatz.
Als ich den Eingang zum Innenhof der Kirche endlich gefunden und passiert habe, erwartet mich: Nichts. Keine Yogamatten, keine Entspannungsklänge und vor allem keine Information auf der Lendwirbel Website, dass die ganze Sache nicht stattfindet.
Im Laufe des Tages, der immer sonniger wird, werde ich noch drei Mal den Innenhof der Kirche aufsuchen und vergeblich warten.
Auf Nachfrage im Lendwirbel-Büro, ob die Aktion denn nicht stattfinde, bekomme ich die Antwort: „Was? Die Shiatsu- Leute sind nicht gekommen? Naja wahrscheinlich wollten sie nicht, weil es Vormittag so geregnet hat“.

 

Das Wort „Go“ wurde beim Shiatsu to go wohl etwas zu ernst genommen

 

15 Uhr: Lendwirbel Gästebuch

Die Idee des Lendwirbel Gästebuches ist simpel: Ab 15 Uhr kann sich jeder am Mariahilferplatz in ein Gästebuch eintragen, das nach dem Lendwirbel veröffentlicht werden soll.
Leider kann man sich nicht in einem Buch eintragen, das es nicht gibt. Auch auf das Gästebuch habe ich zwei Stunden vergeblich gewartet, obwohl man mir dazu im Büro sagte, „dass es sehr wohl stattfindet, vielleicht mit so 10 Minuten Verspätung“.

 

16 Uhr: Eröffnung Arc de Triomphe

Der Arc de Triomphe, ein auf der Lendwirbel- Website beschriebenes „Monument aus Altbrot im öffentlichen Raum der Stadt“ ist wohl unsichtbar geworden, oder man hat das Altbrot weggelassen und die Eröffnung geschwänzt. Obwohl die netten Menschen im Büro mir auch hier versicherten, dass die Eröffnung plangemäß um 16 Uhr stattfinden würde, war alles, was ich bis halb 6 fand, ein halbfertiges Gebilde aus Stahl und Holz am Mariahilferplatz, ohne Beschreibung, ohne Eröffnung und ohne Brot.

 


Der Mariahilferplatz um 16:30

 

17 Uhr: Zeit auf-nehmen

Im Geschäft „Steirerfloh“ in der Mariahilferstraße findet von 14- 19 Uhr das Projekt „Zeit auf-nehmen“ statt. Ich sitze auf der Mariahilferstraße vor dem Geschäft auf einem Holzstuhl, trage Kopfhörer und schaue durch das Schaufenster auf einen Fernseher, der Bilder von Künstlern zeigt, die an öffentlichen Orten in Graz „Zeit aufnehmen“.  Eine Frau tanzt in einem Waschsalon oder im Volksgarten zu Gitarrenklängen, eine andere bewegt sich zu den dunklen Tönen eines Cellos.
Mir gefällt das Zusammenspiel der Bilder und der Musik und außerdem ist die Atmosphäre, auf der Straße zu sitzen und sich Kunst anzusehen, einmalig. Leute, die mich vor dem „Steirerfloh“ sitzen sehen, werden neugierig und gesellen sich zu mir, fragen mich, was ich mir da anschaue und setzen sich selbst für ein paar Minuten hin, um sich berieseln zu lassen.
Schade hier ist nur, dass die Künstlerin Jessie Servenay unauffindbar ist und ich so  nicht mehr zu dem Projekt erfahre, als ich von der Homepage weiß und mir nach der Vorstellung denke.


Der „Steirerfloh“- Shop, vor dem aufgenommene Zeit ausgestrahlt wird

 

17 Uhr: Rituelles Strassen kehren

Als ich meine Sachen zusammenpacke und entschließe, für diesen Tag genug (nicht) gesehen zu haben, mache ich mich auf den Weg zur Straßenbahnstation am Südtirolerplatz.

Die BIM- Anzeigetafeln am Südtirolerplatz während des Lendwirbels

 

Dort stehen ungefähr zehn junge Leute, bunt angezogen und geschminkt, mit Accessoires wie einer zerknüllten Dose an einer Hundeleine oder einem Fahrradkorb voller zerknüllter Ausgaben der Zeitung „Der Standard“. Das macht mich neugierig und ich beschließe, zu bleiben.
Die bunten Menschen sind Mitglieder des Theater- und Kulturvereins Bagger inda Mur und starten ab 17 Uhr eine Aktion, die sie „Rituelles Strassen kehren“ nennen.
„Weil das Müllproblem beim Lendwirbel leider jedes Jahr größer wird, wollen wir durch Aktionismus die Leute dazu animieren, ihren Müll wegzuräumen.“, erklärt mir der Leiter der Truppe, Andreas Wagner.
Um Punkt 17 Uhr startet also das öffentliche Theater, bei dem ein Müllmonster vom Südtiroler- bis zum Lendplatz Dreck austeilt, den die Bagger inda Mur- Superhelden sowie fleißige Helfer daraufhin beseitigen.
Eine mobile Band untermalt den Auftritt mit Musik und Schaulustige bleiben stehen, verfolgen das Spektakel und auch die Schauspieler in Richtung Lendplatz.

Mitglieder des Theater- und Kulturvereins Bagger inda Mur als Superhelden, die gegen Müllmonster kämpfen

 

Ich schaue den Protagonisten und Zuschauern noch nach bis zum Mariahilferplatz. Mein Ärger über den unorganisierten Tag, an dem ich mehr gewartet und gesucht als gefunden und gearbeitet habe, ist verflogen und ich bin froh, dass der Lendwirbel wenigstens zum Ende seines Eröffnungstages geschafft hat, wofür er bekannt ist: Aufmerksamkeit erregen.

 

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