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„Die Kinder sind leider sehr bequem“

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Auf den ersten Blick wirkt Siegfried Seidler wie ein etwas bequem gewordener Lehrer kurz vor der Pension. Doch weit gefehlt. Der Mann mit der tiefen Stimme und den weichen Gesichtszügen strotzt vor Ehrgeiz und Veränderungslust. Die Umwandlung der Albert-Schweitzer-Hauptschule am Grazer Grieskai in eine Neue Mittelschule (NMS) ließ den Direktor noch einmal richtig aufblühen. Seine Schule liegt in puncto Ausländeranteil im absoluten Spitzenfeld, eine Tatsache die oftmals als unlösbares Problem gesehen wird. Direktor Seidler ist jedoch der Meinung, dass es keine unlösbaren Probleme gibt, lediglich Herausforderungen.  Im Interview mit der Annenpost spricht er über individuelle Förderungen, Integration und bequeme Schüler.

Von Markus Zörweg

 

Direktor Siegfried Seidler in seinem Büro

Welche Möglichkeiten oder Chancen ergeben sich für Ihre Schule durch die Umstellung auf die NMS?

Die NMS hat natürlich ganz andere Ziele als die alte Hauptschule. Wir wollen die Stärken der einzelnen Kinder fördern und ihre Schwächen gezielt ausmerzen.

Wie gehen Sie mit dem hohen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund um?

Schüler die aus dem Ausland zu uns kommen werden altersgerecht eingeschult, beispielsweise ein 13-jähriges Kind in die dritte Klasse. Sie besuchen zu Beginn einen Unterricht für Interkulturelles Lernen, kurz IKL, in dem sie die deutsche Sprache lernen und auch einiges über die österreichische Kultur erfahren. Im Laufe dieses Unterrichts lässt sich dann auch bald erkennen, welche Stärken und Schwächen vorhanden sind und wie man den jeweiligen Schüler gezielt fördern kann.

Ist es überhaupt möglich, ein Kind, das ohne Deutsch zu können nach Österreich kommt, mit ausreichenden Kenntnissen auszuschulen?

Nein, das ist definitiv nicht möglich. Aber irgendwo muss natürlich ein Anfang gemacht werden.

Eigentlich müsste es doch Ziel dieses Systems sein, dass jeder der in Österreich einen Schulabschluss macht, fließend Deutsch sprechen kann. Wie könnte man das verwirklichen?

Das ist eine gute Frage. Es sollten vor allem Schulen mit hohem Ausländeranteil,  so wie dieser hier, mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, zum Beispiel für den IKL-Unterricht. Man kann Schulen am Land finanziell nicht mit Schulen in der Innenstadt gleichstellen.

Neue Mittelschule Albert Schweitzer am Grieskai

Was halten Sie von einer Unterstützung des Lehrpersonals durch Assistenten, die die wichtigsten Fremdsprachen wie beispielsweise Türkisch sprechen?

Das würde ich ablehnen. Auch diese Ambitionen, dass Lehrer beispielsweise Türkisch lernen sollen, halte ich für nicht zielführend.  Wir sind in Österreich, und hier wird Deutsch gesprochen, auch in den Klassenräumen.

Sie setzen an ihrer Schule aber auch Englisch als Unterrichtssprache ein. Warum ist das nicht kontraproduktiv?

Englisch ist nun einmal Weltsprache. Außerdem kommen viele Schüler, vor allem Afrikaner, bereits mit teilweise guten Englischkenntnissen zu uns, und denen kann man dadurch den Einstieg etwas erleichtern. Hier überwiegen die Vorteile.

Ihre Schule bietet Kindern ohne Deutschkenntnisse auch zusätzliche freiwillige Deutschkurse an. Diese sind allerdings nicht besonders gut besucht. Warum?

Die Kinder sind leider sehr bequem, und auch die Eltern haben wenig bis gar keine Ambitionen Deutsch zu lernen. Das geht teilweise so weit, dass die Kinder als Dolmetscher für ihre Eltern agieren müssen. Viele werden also von zu Hause nicht dazu angehalten, Deutsch zu lernen. Daher kommt wohl diese, ich muss es leider so deutlich sagen, Ablehnung. Und das obwohl wir immer wieder versuchen den Leuten beizubringen, dass es unerlässlich ist, unsere Sprache zu sprechen, wenn man es in diesem Land zu etwas bringen will.

Es gibt hier im Zuge der NMS auch die Möglichkeit einer Nachmittagsbetreuung. Wie intensiv wird diese genützt?

Diese Möglichkeit wird recht gut angenommen, wir haben rund sechzig

Siegfried Seidler leitet die Schule seit September 2011

Schüler, die auch am Nachmittag bei uns sind. Ich halte diese Nachmittagsbetreuung für sehr wichtig, vor allem für Kinder, die Zuhause einem schlechten Umfeld ausgesetzt sind, beziehungsweise für Kinder deren Eltern ganztags arbeiten . Es ist sicher besser für ihre Entwicklung, wenn  sie nachmittags unter Aufsicht lernen oder sich sinnvoll unterhalten, als wenn sie den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringen oder auf der Straße unterwegs sind.

Ihre Schule wurde vor kurzem auch von Integrationsstaatsekretär Sebastian Kurz und einigen prominenten Österreichern mit Migrationshintergrund besucht. Was, denken Sie, können die Schüler von diesem Besuch mitnehmen?

Im Wesentlichen hat sich in den Ausführungen der Gäste genau meine Meinung gespiegelt. Alle haben den Schülern klar gemacht, dass sie selbst etwas aus sich gemacht haben, sie haben sich nicht nur treiben lassen. Speziell auch was das Lernen der deutschen Sprache angeht. Ich denke, dass das die Kinder auch verstanden haben.

Wir haben viel über die Vorteile der NMS gesprochen. Vor welche Herausforderungen wurden Sie aber im Zuge dieser Umstellung gestellt?

Für die Lehrer war sicherlich die Umstellung auf Teamteaching eine Herausforderung, also das Unterrichten zu zweit in einer Klasse. Wenn man es über Jahre oder gar Jahrzehnte gewohnt ist, alleine zu unterrichten, kann diese Abstimmung mit einem Kollegen schwierig sein. Allerdings ist dieser Unterricht mit zwei Lehrern im Sinne der individuellen Förderung einfach nötig. Und als Lehrer ist es unsere Aufgabe, uns in den Dienst der Kinder zu stellen.

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