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Bau mir eine Stadt aus gebrauchten Gegenständen!

Am 15.02.2012 eröffnet die Ausstellung „Schauplatz Annenviertel!“ im Grazer Stadtmuseum. Dort wird auch ein Modell des Annenviertels gezeigt, das der Künstler Joachim Hainzl aus im Viertel gesammelten Gegenständen gestaltet.

Von Sandra Schieder und Sonja Radkohl

 

Wie Spielzeughäuschen sehen sie aus, kaum zehn Zentimeter hoch mit ihren roten Dächern und hellen Fassaden. Burg, Paulustor, Rathaus und Dom sind ummantelt von der alten Stadtmauer, wie im 18. Jahrhundert. Darüber thront der Schlossberg mit stolzen vierzig Zentimetern Höhe. Dieses Modell der inneren Stadt befindet sich im Stadtmuseum. Es wurde einst maßstabgetreu von Plänen aus dem 17. und 18. Jahrhundert nachgebaut, so dass sich die Besucher vorstellen können, wie die Stadt damals aussah.

 

Ein Modell aus Fahrradsattel, Rasierpinsel und Kelch

Für die Kunstausstellung „Schauplatz Annenviertel!“ wird nun ein neues Modell gebaut, das das Annenviertel am anderen Ufer der Mur zeigen soll. Mit dem bestehenden Modell wird es kaum vergleichbar sein. Es wird weder maßstabgetreu sein, noch eine bestimmte Epoche darstellen. Nicht einmal nachgebaute Häuser oder andere Bauwerke wird es geben. Künstler und Historiker Joachim Hainzl wird es nur aus einem Luftbild und alten Gegenständen herstellen. „Leute, die hier leben und arbeiten, haben uns die Dinge geschenkt, die Joachim Hainzl für das Modell verwenden wird“, sagt Anton Lederer, Kurator des Kunstvereins < rotor >. < rotor > ist gemeinsam mit dem Stadtmuseum und dem Stadtteilmanagement Annenviertel für die Ausrichtung von „Schauplatz Annenviertel!“ verantwortlich und hat die Gegenstände für Hainzl gesammelt.

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Diese Gegenstände sollen das Annenviertel repräsentieren

 

Ein alter Fahrradsattel, ein monströser Rasierpinsel und ein goldener Kelch, auf dessen Deckel ein Halbmond prangt, wurden in den letzten Wochen unter anderem bei < rotor > abgegeben. Hainzl wird versuchen, diese Gegenstände auf dem Luftbild des Annenviertels so anzuordnen, dass sie die Straße, den Platz oder das Gebäude auf dem sie stehen, repräsentieren können. „Er könnte zum Beispiel den Kelch mit dem Halbmond dort hinstellen, wo ein muslimisches Gebetshaus ist“, sagt Lederer, „Joachim Hainzl will die Geschichte und Entwicklung des Viertels darstellen, wie so ein Viertel entsteht und wie es zu dem geworden ist, was es heute ist.“

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Der goldene Kelch mit dem Halbmond auf der Spitze

 

Der Begriff „Annenviertel“ ist eine von < rotor > kreierte Bezeichnung für ein multikulturelles Viertel in Graz. Es verläuft rund um die Annenstraße und schließt die Bezirke Lend und Gries mit ein. Da Leben im Annenviertel vergleichsweise günstig ist, ist es seit jeher erste Anlaufstelle für Migranten und Wohngebiet von Arbeitern der nahen Industrie. Und genau diese komplexe Sozialgeschichte versucht Hainzl in seinem Modell darzustellen und zu erklären.

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Eine Kiste voller bunter Gegenstände

 

Schauplatz Annenviertel!

Das Stadtmodell ist aber nur ein Teil der Ausstellung. Konkret umfasst sie zwei Hauptbereiche: Der erste besteht aus „thematischen Inseln“ von zwölf verschiedenen Initiativen und Organisationen aus dem Annenviertel. Diese Organisationen sind in den unterschiedlichsten Bereichen, von Arbeit über Migration und Bildung bis zu Kultur, tätig. Die Neue Mittelschule St. Andrä präsentiert etwa ihr Projekt zur Umgestaltung des Parkplatzes vor der Schule. Für den zweiten Bereich eröffnen Künstler und Künstlerinnen mit eigenen Projekten und Beiträgen alternative Sichtweisen auf das Annenviertel, wie Joachim Hainzl mit seinem Stadtmodell.

Fragen rund um den öffentlichen Raum, Zuwanderung und die Veränderung des Arbeits- und Geschäftslebens im städtischen Gebiet zählen zu den Schwerpunkten der Ausstellung. Besonderheiten sind unter anderem „Do-it-yourself-Stationen“ wie das Fahnengästebuch: Hier haben Gäste die Möglichkeit, sich mit Ölkreiden und der Fahne ihres Herkunftslandes in einem Gästebuch einzutragen.

 

Schauplatz Annenviertel! 15.02.2012- 29.04.2012
im Stadtmuseum Graz
Sackstraße 18
8010 Graz
stadtmuseum@stadt.graz.at
T +43/316/872-7600
Öffnungszeiten: Di–So von 10.00 bis 18.00 Uhr

Über den Autor

Sonja Radkohl
Sonja Radkohl
Als perfektionistische Kindergartenpädagogin scheint Sonja geradezu prädestiniert dazu zu sein, buntem Treiben in der Klasse entgegen zu stehen. Im Unterricht fliegt ihre Füllfeder schier über die Seiten, wenn sie sich fleißig Notizen macht. In ihrer Freizeit lebt sie gerne ihre musikalische Seite beim Gitarre spielen aus oder vertieft sich stundenlang in Bücher. Dank ihres schriftstellerischen Talents ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch sie ihre Karriere, wie ihr Lieblingsjournalist Hubert Patterer, im Printbereich starten wird. Verfasst von Jennifer Polanz
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