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„Wir wollen dieses Bild ändern“

„Kaum eine Nation ist so ungeniert rassistisch wie die Österreicher“. Dieses mit einem Augenzwinkern getätigte Schlussfolgerung von August Gächter vom Zentrum für soziale Innovation stand am Ende der  Veranstaltung bei ISOP-Gebäude bei der zwei soziale Projekte vorgestellt wurden. Zumindest ein Funken Wahrheit steckt in dieser Aussage. Das zeigt sich schon an einem der Hauptprobleme, mit denen Migranten in Österreich konfrontiert sind: einen Arbeitsplatz finden. Genau dieses Problem wollen die Kompetenzprofilerhebung und die Lernfabrik lösen, die im November letzten Jahres den rund 70 anwesenden Gästen präsentiert wurden.

Von Moritz Dietrich

 

Bei der Kompetenzprofilerhebung und der Lernfabrik handelt es sich um zwei Entwicklungsprojekte, die in Kooperation mit dem Verein Innovative Sozialprojekte (ISOP) durchgeführt werden. ISOP-Mitarbeiterin Silvia Göhring erklärt, dass sich vor allem die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen für Migranten  als schwierig gestaltet und aus diesem Grund viele ihre Qualifizierungen gar nicht erst anerkennen lassen. Genau diesem Punkt will man mit den beiden Projekten angehen: Ziel sei es, die Migranten in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, ihrer Stärken bewusst machen und ihnen durch gezielte Lerninhalte den Einstieg in das Berufsleben zu erleichtern, sagt Göhring.

Martin Leitner, der die Kompetenzprofilerhebung vorstellte, erzählt, dass viele Migranten, die zu ihm kommen, über kein intaktes berufliches oder soziales Umfeld verfügen, existenzielle Ängste und aufgrund der Fachsprache oft Probleme im Umgang mit Behörden und dem Gesundheitswesen haben. Sprachliche Probleme seien in der Gesellschaft aber oft auch überschätzt. Warum müsse zum Beispiel eine Reinigungskraft auch exakt die Inhalte der Reinigungsstoffe in Deutsch lesen können? Dafür brächten Migranten ein gewisses Erfahrungspotenzial mit, da viele eine Krise bewältigen mussten und dadurch eine hohe Frustrationstoleranz hätten. „Von Arbeitsmarktseite her ist der Blick auf Migranten, der Blick auf Defizite. Wir wollen dieses Bild ändern und wollen uns den Lebensleistungen zuwenden“, sagt Leitner.

In den verschiedenen Ausbildungsphasen der Kompetenzprofilerhebung erlernen die Teilnehmer ihre eigenen Fähigkeiten und Stärken heraus zu heben. Auch die berufliche Ausbildung kommt nicht zu kurz, dabei wird vor allem Wert auf den Abbau von sprachlichen Barrieren gelegt. Wichtig im Lernprozess ist auch die Reflexion der eigenen Biographie. Am letzten Tag geht es um „Zielarbeit“, dabei sollen die Absolventen Klarheit darüber erhalten, wo sie stehen. Nicht nur in der Gegenwart sondern auch was die Zukunft betrifft.

Die Fähigkeit zur Selbstreflexion, fremdsprachliche Kompetenz, Gruppenkompetenz, Umgang mit fremden Kulturtechniken und Interkulturelle Kompetenz. All diese Methoden und Fähigkeiten nehmen die Absolventen mit der Überreichung des Abschlusszertifikats offiziell  aus der Kompetenzprofilerhebung mit.

Das zweite Projekt, das an diesem Abend vorgestellt wurde, war die „ISOP-Lernfabrik“. Ähnlich aufgebaut wie die Kompetenzprofilerhebung, dauert dieses Projekt rund zehn Monate. Unterteilt ist die Lernfabrik in drei Stufen. In der ersten Stufe erhalten die Teilnehmer eine Berufsvorbereitung, Basisbildung und Bewerbungstraining. Nach dem ersten theoretischen Teil geht es in die Praxis, in der das gelernte umgesetzt wird. Einmal wöchentlich findet dann eine Arbeitsreflexion statt. Ebenso wichtig wie die berufliche Vorbereitung ist die Erweiterung der sozialen Kompetenzen. Im letzten Teil findet das so genannte Outplacement statt. Das bedeutet, dass sich die Teilnehmer auf Arbeitsplatzsuche begeben oder an Folgequalifizierungen teilnehmen.

Die Bilanz der letzten Lernfabrik kann sich durchaus sehen lassen: Von den 36 Absolventen und Absolventinnen gingen gut zwei Drittel mit einer Arbeit oder Qualifizierung ab.

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion zeigte August Gächter vom Zentrum für soziale Innovation auf, dass die Schwierigkeiten für Migranten, einen Job zu finden und sich zu integrieren, nicht nur an etwaigen sprachlichen Hindernissen liegen. So sei die Effizienz der Betriebe bei der Suche nach Arbeitskräften nicht wirklich gut, wodurch Ausländer schlechtere Chancen hätten. Trotz Bemühungen, die Arbeitsmarktintegration zu verbessern, sei die Ausgangslage in Österreich schwierig, denn, wie Gächter vorsichtig umschrieb:“ Kaum eine Nation ist so ungeniert rassistisch wie die Österreicher. Vorurteile werden offen gezeigt, sehr oft auch von der gebildeten Schicht.“ Außerdem herrsche derzeit noch eine gewisse Hilfslosigkeit beim Thema Diskriminierung: Eine  Umfrage zeigt, dass nur 16 Prozent wissen, an wen sie sich im Falle einer Diskriminierung wenden können. Neben einer Verbesserung der Infrastruktur, wäre eine vorbeugende Bekämpfung von Diskriminierung sehr wichtig.

Doch nicht alles beim Thema Migration und Diskriminierung sei schlecht in Österreich. Es mache sich langsam Aufbruchsstimmung breit, was sich an der Diskussion über ein Anerkennungsgesetz für im Ausland erworbene Qualitäten erkennen ließe.

Diskussion gab es auch um die Einbringung des AMS in diese Thematik. Hertha Kindermann-Wlasak vom AMS Steiermark erklärt, dass sich der Arbeitsmarktservice in Zukunft auch auf Migranten spezialisieren wolle. In Österreich steuere man auf einen Mangel an qualifiziertem Personal hin. Potenzial gebe es vor allem bei Frauen und Migranten, meint Kindermann-Wlasak.

Für Gächter war es wichtig, „dass man im Gesamtkomplex arbeitet, sich nicht auf eine Sache beschränkt und in ständisches Denken verfällt. Man muss das Problem als Ganzes betrachten und möglichst als Ganzes lösen“

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